Katniss Everdeen geht als die Siegerin der 74. Hungerspiele von Panem hervor. Das allein wäre vielleicht schon eine kleine Sensation, schließlich ist sie aus Distrikt 12. Doch viel größer wiegt der Skandal, dass es diesmal zwei Tribute gibt, die auf dem Siegertreppchen stehen – und damit einer weniger tot ist, als in den Jahren zuvor.

So endet das erste Buch der Tribute von Panem, der weltweiten Erfolgsreihe von Suzanne Collins und eines der Bücher, die den aktuellsten Hype um Dystopien eingeleitet hat. Was darauf folgt kennt mittlerweile so gut wie jeder: auf die Tribute von Panem folgen noch zwei weitere Bücher und vier Filme, außerdem ziehen Autoren wie Veronica Roth mit Divergent nach. Dystopien werden quasi über Nacht „in“ und bringen damit vor allem einen Aspekt wieder in den Vordergrund des (Jugendbuch-)Genres: Gewalt.


Defintion von Dystopien und Gewalt als Unterhaltung

Eine Dystopie stellt das Gegenstück der Utopie da. Dieser von Thomas More in England im 16. Jahrhundert geschaffene Ort porträtiert eine (futuristische) Gesellschaft, die perfekt funktioniert und vor allem zu 100% gerecht ist. Eine Dystopie hingegen porträtiert eine Gesellschaft, die sich ins negative gewandelt hat und vor allem in der Literaturwissenschaft als fiktionales, futuristisches Mittel in Zeiten der Krise bewiesen hat. Manchmal werden Dystopien in bestimmten Kontexten deshalb auch als Abschreckungskunst (gemeinsam mit anderen künstlerischen Erzeugnissen) genannt und entstehen meist in Zeiten großer Krisen, so wie bspw. vor dem ersten und zweiten Weltkrieg. Nicht immer müssen Dystopien auf Prosa ausgelegt sein, sondern können durchaus auch in poetischer Form, also Gedichten, entstehen.

Dystopien sind demnach kein neues Phänomen, wie ein paar von uns sicher auch in der Schule erleben mussten: Aldous Huxleys berühmte Dystopie „Schöne Neue Welt“ ist nur ein Beispiel der sehr erfolgreichen und viel früheren Vertreter. Andere werden sicherlich an George Orwells „1984“ denken müssen.
Wieso die Dystopie nun wieder aufgekommen ist, dass ist wohl ein ganz anderer Forschungskomplex, aber man kann vermuten, dass Zeiten der globalen Unsicherheit und verschiedener Krisen, sowie internationaler Anspannung dazu beigetragen haben könnten.

Eine Dystopie hat also einen anderen Beigeschmack als ein Thriller oder ein Krimi – und doch teilen die beiden ein wichtiges Merkmal, nämlich die Gewalt. Wie bereits erwähnt, sind zum Beispiel die Tribute von Panem sowohl in Buch als auch im Film sehr stark auf Brutalität ausgelegt. Ein bisschen nach dem Motto: Wenn President Snow nicht hören will, muss er eben fühlen.

Aber auch andere Dystopien machen sich das Plotdevice Gewalt zu Nutze: so beispielsweise auch in The Maze Runner. Oder in Red Rising von Pierce Brown. Und auch wenn sich hier über den „Jugenbuchcharakter“ streiten lässt, so haben doch viele der einschlägigen Dystopien auch Jugendliche gelesen. Nun ist es ganz klar, dass zu einer düsteren Zukunftsvision auch Gewalt gehört, doch viele Dystopien bauten sich um diesen Faktor herum auf. Zwar war immer ein bisschen „Ich muss ja, ich kann schließlich nicht anders!“ dabei und es galt auch Mut, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen bei den Charakteren zu demonstrieren, doch wie viel Gewalt braucht so ein Buch? Muss eine Dystopie immer gewaltsam sein? Ab wann wird Gewalt zur Unterhaltung und bis wohin macht sie Sinn? Und was ist mit der Diskrepanz von Gewalt in der Realität und in der Fiktion? (Und würde Gandhi zu alldem sagen?) Ist der neue Trend je blutiger desto besser?

 

Badass Charaktere aka eiskalte Killer

Celaena aus Throne of Glass ist es, Darrow und Sevro aus Red Rising und Katniss erst recht. Sie alle sind eiskalte Killer. Celaena ist eine der gefürchtetsten Assassinnen die es gibt und wird zu Recht von vielen Menschen gefürchtet. Schliesslich schlachtet sie ohne mit der Wimper zu zucken die bösen Jungs ab.
Und Darrow schreitet auch immer wieder in den Kampf, bereit, alles und jeden zu töten der sich ihm in den Weg stellt. Er ist der Schnitter und mit ihm kommt der Tod. Und Sevro, der kleine Scheisser, ist genauso ein eiskalter Killer. Ob nun mit den Fäusten oder mit hightech Waffen. Sie töten alle Feinde ohne Rücksicht auf eigene Verluste.

Eiskalte Killer, die täglich Brutalität und Gewalt an den Tag legen. Und was tun die Bücherwürmer, welche die Bücher lesen? Applaudieren und feiern diese “Badass”-Charaktere. Schreien entzückt auf wenn sie wieder in die Schlacht ziehen und die feindliche Armee niedermetzeln. Am besten der Feind stirbt schön blutig im Endkampf gegen den Protagonisten. Das lässt jedes Herz eines Dystopielesers höher schlagen!

Unsere Helden sind also alles Killer, sie haben alle schon einmal ein Menschenleben ausgelöscht und trotzdem (oder gerade deswegen) lieben wir sie so sehr. Aber wieso sind wir nicht schockiert, wenn unsere Lieblingscharaktere zur Waffe greifen und Leute abschlachten? Die Antwort: Sie gehören zu den Guten, tun dies nur zu einem grösseren Wohl, erledigen die Bösen. Natürlich denken wir das, schliesslich haben wir ein Gerechtigkeitssinn und wenn wir eine Dystopie lesen, in der der Protagonist unterdrückt wird von einem höheren System, sind wir alle froh wenn sich der Protagonist wehrt.

Wir erleben oft nur eine sehr einseitige Ansicht auf das Geschehen und wir gehen automatisch davon aus, dass die Protagonisten zu den Guten gehören. Und die Guten wehren sich eben gegen die schrecklichen Bösen und wir finden das in Ordnung, auch wenn sie die selbe schrecklichen Dinge tun, die vor zwei Seiten die Bösen getan haben. Aber eben, unser Lieblingscharakter gehört zu den Guten. Also ist es okay. Oder etwa nicht?

Gewaltdarstellung in Filmen und Serien

Nicht nur in Büchern geht es immer blutiger zu und her, sondern auch die Filmbranche ist auf den Gewaltzug aufgestiegen. Diese Entwicklung könnte man auch darauf zurück führen, dass einige Jugendbüchern wie Hunger Games oder The Maze Runner verfilmt werden. Die Bücher mit unseren gewaltbereiten Protagonisten kommen also auf die grosse Leinwand und erreichen ein noch grösseres Publikum. Im Unterschied zu den Büchern wird hier nichts der Fantasie überlassen, sondern zeigt alles live und in Farbe.

So wird beispielsweise in The Revenant Hugh von einem Bären attackiert und zerfleischt. Dieser trägt nicht nur ein paar kleine Schnittwunden davon, sondern das volle Programm. Zerfetzte Haut, tiefe, blutige Wunden am gesamten Körper, eine ganz tiefe am Hals, die seinen Luftröhre beschädigt hat. Sobald Hugh etwas trinkt fliest es dort eben wieder raus. Tja. Aber dort hört die Gewalt im Film nicht auf. Blutige Schlachten zwischen Ureinwohnern und den Weissen, Ausweiden von Pferden und immer wieder blutende und schwerverletzte Menschen. Hier kann man wegschauen, muss sich aber auch die Ohren gut zuhalten, weil die Schmerzensschreie von DiCaprio durch die Lautsprecher dröhnen.

Aber für Game of Thrones Fans ist das nichts neues. In jeder Folge rollt irgendein abgetrennter Kopf über die Strasse, ein Körperteil wird abgetrennt, ein Mensch wird gefoltert oder ein Schädel wird zertrümmert. Willkommen im ganz alltäglichen Leben in Westeros. Die Serie basiert auf den Büchern “Ein Lied von Eis und Feuer”. Hier kann man sich aber noch etwas abgrenzen, denn wenn ein Drache ein Mensch in Flammen aufgehen lässt, ist es leicht zu sagen “Das ist nur eine Serie. Fiktiv. Nicht echt.”. 

Fiktion vs. Realität

Was durch Film und Serie immer mehr für ein breites Publikum salonfähig gemacht wird, das machen die Bücher für die Leser. Wie bereits eingangs erwähnt, schwappt die gewaltsame Dystopie in das Jugendbuchgenre und hat, nach dem Hype, den bitteren Beigeschmack des Blutvergießens auch in anderen Genren hinterlassen. Man umschreibt eine Folterszene oder eine Mordszene schon einmal ausgiebiger und während es nicht nur auf den Menschen, der das Buch liest, ankommt, kommt es wohl auch auf die Seite an. Ist es der Held, der da seinen lang gehassten Peiniger umbringt? Dann ist es ja fast schon akzeptabel. Allein hier finden sich so viele Grauzonen, die für jedes Beispiel individuell unter die Lupe genommen werden müssten, allerdings steht dieser Punkt heute in einem anderen Licht: in direkter Konkurrenz zur Realität.

Als wir den Beitrag vergangene Woche brainstormten, fiel uns als einer der ersten Punkte auf, dass blutrünstigere Bücher nicht nur immer häufiger werden, sondern damit auch die Bereitwilligkeit sie zu lesen. Doch während in Red Rising die Menschen sterben wie die Fliegen – und das nicht gerade einfach mal an einem Herzinfarkt – schauen wir bei vergleichbaren Szenarien in der Realität weg. Bilder aus Syrien sind uns „zu brutal“ oder „zu weit weg“. Und ja, man muss sich diese Bilder nicht anschauen, denn im Gegensatz zu diesen realen Bildern, können wir keinen mentalen Riegel vorschieben. Beim Lesen kann sich unser Verstand einfach weigern sich Dinge auszumalen oder man legt das Buch beiseite. Bei Bildern wird man vor vollendete Tatsachen gestellt, man kann nur wegschauen. Und zudem ist es auch keine Fiktion mehr, die man mit einem Schulterzucken abtun kann.

Das heißt nicht, dass jeder, der blutrünstige Bücher liest nun auch täglich Bilder von Syrien o.Ä. vor die Nase gehalten bekommen soll. Man sollte sich nur einmal mehr bewusst machen, dass wir in einer sehr sicheren, abgeschotteten Luxusblase leben, in der wir uns die Gewalt, die für andere Menschen bitterer Alltag ist, freiwillig in einem fiktionalen Kontext zu Gemüte führen können. Und, was noch viel wichtiger ist, auch einfach so, durch das Zuklappen eines Buches, das Schließen des Browsers, daraus wieder auftauchen können. Das wirft noch einmal ein völlig anderes Bild auf diese Situation. Auf der einen Seite sollen solche Bücher schließlich auch eben die Augen öffnen, damit wir sehen, was mit unserer Welt passieren könnte – auf der anderen Seite laden sie manchmal auch dazu ein, Zaungast bei etwas zu sein, dass nur vermeintlich eintreten könnte und in manchen Teilen der Erde doch schon mehr real als fiktiv ist. Es geht nicht darum, diese Bücher zu verbieten. Es geht darum sich diese Diskrepanz zwischen zwei Welten bewusst zu machen.


Wie viel Gewalt ist „okay“? Ist es moralisch vertretbar, solche blutrünstigen Bücher zu lesen und das Gemetzel darin als unterhaltsam zu empfinden? Ist es in Ordnung, wenn der Protagonist den Erzfeind nach drei Bänden qualvoll sterben lässt?

Auf diese Frage gibt es keine richtige oder falsche Antwort. Jeder Mensch darf, kann und soll selber entscheiden, ob er nun blutrünstige Thriller oder Liebesromane lesen will. Auch wie man mit der Brutalität umgeht, ist jedem selber überlassen. Allerdings ist diese Gewaltdarstellung ein weiterer Trend in Jugendbüchern, den wir nicht unbedingt gutheissen wollen.

Wie gut vertragt ihr blutige Bücher mit Kriegen und Gemetzel? Könnt ihr mit Gewalt in Büchern besser umgehen als mit Gewalt in Filmen/Serien?

eure Tabi und Julia

Frühere Ausgaben:
Damsel in Distress in YA 
Buchverfilmungen
Cover Klischees
Wie Blogger unser Kaufverhalten beeinflussen
Das Genre – Orientierungshilfe oder Schubladen-Denken?

Written by Julia

    17 Kommentare

  1. Drea August 18, 2017 at 7:26 pm Antworten

    Hallo 🙂

    Wow dieser Beitrag ist wirklich toll. Mir gefällt die Idee dahinter, mal so richtig in dieses Thema der Dystopie und der Gewaltdarstellung sich einzuarbeiten..
    Ich selber lese gerne mal eine Dystopie, aber in solch einer Dystopie stört mich persönlich die Gewalt der Hauptpersonen überhaupt nicht. Zum Beispiel bei Tribute von Panem war ich zwar immer wieder überrascht, WAS da eigentlich passiert, habe aber nie hinterfragt, ob das Gut oder Schlecht ist, was Katniss und Co da eigentlich machen. Insgesamt finde ich es in einer Dystopie auch nicht schlimm, wenn die Hauptcharaktere die “bösen” umbringen, denn meistens steht ja etwas größeres dahinter, dass die Personen auf eine Art und Weise antreibt. Oft die Hoffnung auf eine bessere Welt, die dann am Ende auch da ist. Aber irgendwie ist eben auch genau das, das Spannenden an den Büchern.
    Aber auch hier muss ich den anderen Kommentaren recht geben, wenn es um diese Gewaltdarstellungen in Jugendbüchern geht, sollten die Verlage aufpassen, was sie wie deklarieren. Zum Einen finde ich es nicht schlimm, wenn in einem Jugenbuch ein bisschen Gewalt vorhanden ist, aber diese sollte meiner Meinung nach, niemals explizit (a la Thriller/Krimi Darstellung) erzählt werden und niemals so bildlich, dass die Person, die es liest, für sein Leben geschockt und erschreckt ist. Man sollte da eher auf wagere Formulierungen gehen.

    • Julia August 18, 2017 at 9:01 pm Antworten

      Hey Drea
      Danke für das Kompliment 🙂 Wie man mit der Gewalt in Dystopien umgeht ist wohl jedem selber überlassen. Während dich die Ereignisse in Tribute von Panem nicht so störten, war ich stellenweise ziemlich schockiert über manche Textstellen. Natürlich war es spannend, aber gerade bei dieser Reihe gibt es einige jüngere Leser. Die Trilogie lebt zwar von der Brutalität und dem unfairen System und Katniss kämpft auch, um andere Menschen zu befreien und ein ganzes System zu stürzen. Aber rechtfertigt das ihre Taten? Das ist auch eine Frage, die man nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten kann.
      Es gibt immer wieder die Diskussion, ob es für Bücher eine Altersbegrenzung oder eine Altersempfehlung geben sollte. Ich persönlich fände das auf jeden Fall sinnvoll, damit auch Eltern einschätzen können welche Bücher sie da ihren Kindern zum Lesen geben. Gewalt in Jugendbüchern “darf” natürlich vorkommen, aber wie du sagst, dem Alter angepasst sein.
      Liebe Grüsse
      Julia

  2. Sabine August 17, 2017 at 11:51 am Antworten

    Hi Julia,

    erstmal danke für den schönen reflektierten Beitrag.
    Ich bin auch ein großer Fan von Dystopien und hab mich schon öfter gefragt, warum. Ich glaube, es geht darum, die Gerechtigkeit wieder herzustellen (wie du ja auch schreibst), die Bösen werden besiegt usw. Das ist ganz ähnlich beim Krimi-Genre – man gruselt sich über die Leichenfunde und ist dann am Ende herzensfroh, wenn der Ermittler den bösen Mörder findet und alles wieder gut ist.
    Ich mag das Dystopie-Genre, finde aber auch, dass es ein wenig zur Inflation von Gewalt im Jugendgenre (Buch und Filme) beigetragen hat. Besonders im Film geht es eben nur noch um den billigen Schock-Moment.
    Aber Katniss, neeeeiiin, die ist doch keine eiskalte Killerin! Sorry, ich muss kurz meinen Liebling verteidigen 😉 Sie kann Tiere töten, um zu überleben, und wird dann, ganz ähnlich wie beim Jagen, in eine Situation gedrängt, in der sie ihr Leben verteidigen muss. Red Rising kenne ich nicht, aber so wie ich es verstanden habe, geht es da um Auftragskiller?
    LG, Sabine

    • Julia August 18, 2017 at 6:38 pm Antworten

      Liebe Sabine
      Ich bin auch ein Fan von Dystopien und lese viele Bücher aus dieser Genre. Es ist eben wirklich schön zu lesen, wenn die Gerechtigkeit siegt. Das hast du wirklich super in deinem Kommentar formuliert und ich denke das wird wohl einer der Gründe sein, wieso Dystopien so beliebt sind.
      In Filmen geht es wirklich oft nur noch ums Schocken. Umso blutiger und unerwarteter, desto besser. Deshalb schrecken viele Autoren oder Regisseuren nicht mehr davor zurück, Hauptcharaktere zu töten. Das schockt eben das Publikum.
      Dass du deinen Liebling verteidigen willst kann ich nachvollziehen, ich gehe bei meinen Lieblingscharakteren aus Red Rising auch sofort auf die Barrikaden wenn sie jemand kritisiert. Und bei Red Rising geht es NICHT um Auftragskiller. In der Trilogie gibt es eben sehr viele Kämpfe und auch einen Krieg im zweiten und dritten Band, weswegen der Hauptcharakter Darrow oft in die Schlacht ziehen muss. Es ist ein Sci-Fi Buch, falls es dich interessiert ist hier meine Rezension: http://www.julias-wunderland.ch/2016/09/07/red-rising/ 🙂
      Liebste Grüsse
      Julia

  3. Jacquy August 16, 2017 at 11:23 am Antworten

    Ich feier euch so, so sehr für das gif :’D
    Wieder ein sehr gut durchdachter Beitrag von euch. Gerade den Gedanken mit der Luxusblase finde ich krass, da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Klar, wenn wir täglich sowas in Wirklichkeit erleben würden, fänden wir solche Szenarien in Büchern plötzlich nicht mehr so spannend und toll. Ich finde aber auch, dass man mit der Gewalt wieder etwas zurückgehen sollte. Vor allem sollte es auf keinen Fall so dargestellt werden, als wäre Gewalt die einzige Lösung. Für das Dystopie Genre ist das ja auch kein Muss, das zeigen die klassischeren Beispiele wie 1984 oder Brave New World, wo es meiner Erinnerung nach nie auch nur annähernd zu kämpfen gekommen ist. Wobei da auch das System gewonnen hat, glaube ich. 😀 Aber ich würde eine Dystopie lieben, die den Umsturz des Systems ohne Tote oder abgetrennte Körperteile schafft.
    Generell finde ich aber auch immer noch die Grenze zwischen Fiktion und Realität wichtig. Ist es eine Dystopie oder Fantasy, habe ich mit Gewalt viel weniger Probleme als wenn es sich um Contemporary handelt und sie damit in einen realitätsnahen Kontext gebracht wird.

    Liebe Grüße!
    Jacquy

    • Julia August 18, 2017 at 6:28 pm Antworten

      Hey Jacquy!
      Vielen Dank für das Kompliment 🙂 Es wäre wirklich mal spannend eine Dystopie zu lesen, in der es keine Tote zu verzeichnen gibt. Das man mit Politik auch vieles erreichen kann scheinen viele zu vergessen. Obwohl es bei 1984 auch gut funktioniert, wie du gut erkannt hast.
      Ich finde die Grenze zwischen Realität und Fiktion auch sehr wichtig. Umso realistischer es geschrieben ist und wie real das Szenario ist, umso mehr mühe habe ich es zu lesen. Wenn ein Drache jemanden verbrennt kann ich mich viel eher davon distanzieren, weil es so surreal ist. Andererseits stumpft mich das eben auch ab. “Achja, wieder ein Drachenangriff. Pff.”
      Liebe Grüsse
      Julia

  4. Annette August 16, 2017 at 12:40 am Antworten

    Hallo Julia,

    ich gehöre nicht zu denen, die wahnsinnig viel Gewalt in Buch oder Film verkraften können. Trotzdem habe ich alle drei Tribute-Bände gelesen. Allerdings mit großen Pausen dazwischen. Ich finde die Trilogie gut, weil sie nicht einfach Gewaltexzesse darstellt, sondern sehr gute Fragen zu dem Thema stellt. Sie stellt nämlich genau die Frage: ist es möglich, sich in einer extrem dystopischen Situation (“ich muss töten, um zu überleben”) noch ethisch zu verhalten? Katniss schafft das zumindest teilweise, was zum Beispiel in ihrer Freundschaft zu Rue zum Ausdruck kommt. Was ich viel schlimmer fand als die Gewalt, ist die Verstellung, die den Protagonisten vom System aufgezwungen wird. Was ich an der Erzählung aber so gut finde, ist die Gebrochenheit, mit der Katniss aus diesen Zwängen hervorgeht. Das ist sehr authentisch. Sie ist eben keine heroische Killerin, die sich nach beendetem Gemetzel über ein nettes Happy End freut. Du schreibst, “wir gehen automatisch davon aus, dass die Protagonisten zu den Guten gehören.” Genau das ist aber bei den “Tributen” nicht immer so, und das finde ich daran wieder so spannend. Im dritten Band ist es Katniss, die genau dieses “Wir sind die Guten und der Zweck heiligt die Mittel” in Frage stellt. Ich finde, man kann diese intelligente Dystopie nicht gut mit “Game of Thrones” vergleichen. Obwohl ich “Game of Thrones” eigentlich überhaupt nicht kenne und auch nicht kennen möchte, weil das wenige, was ich davon im Fernsehen gesehen habe, mich (auch wenn manche Szenen sehr gut waren) auf Grund seiner ekelhaften Brutalität und Obszönität wirklich – entschuldigung – angekotzt hat.

    Ich finde jedenfalls Deine Fragen zu dem Thema sehr wichtig. Ist es moralisch vertretbar, solche blutrünstigen Bücher zu lesen und das Gemetzel darin als unterhaltsam zu empfinden? Vielleicht hast Du recht, und es steht uns nicht zu, darüber zu urteilen, wie jemand anders damit umgeht. Aber wundern tue ich mich schon. Noch mehr eigentlich über die vielen netten friedlichen Leute, die freiwillig Thriller wie dieses “Paket” lesen.

    Könnt ihr mit Gewalt in Büchern besser umgehen als mit Gewalt in Filmen? – Hm. Auch das ist eine gute Frage. Bei Filmen kann ich inzwischen relativ schnell und skrupellos wegzappen, wenn es mir zu heftig wird. Das ist ein wiederentdeckter Impuls aus meiner Kindheit, den ich nicht mehr unterdrücke. Bei einem Buch habe ich eher den Ehrgeiz, dranzubleiben, und auch dort können sich Bilder sehr nachhaltig einprägen. Wenn die Gewalt sehr plastisch geschildert wird, denke ich, da gibt es keinen großen Unterschied.

    Am interessantesten finde ich die Frage, ob einem die Lektüre wirklich die Augen öffnet für die Probleme oder ob sie eher abstumpft – oder, noch schlimmer, einen einfach, wie Du sagst, zum Zaungast, also zum Voyeur macht. Darf man ruhig mal stellen, diese Frage.

    • Julia August 17, 2017 at 7:49 pm Antworten

      Liebe Anette,
      Danke für deinen Kommentar, es ist toll zu lesen wie du dich mit dem Thema auseinandersetzt 🙂
      Ich muss gestehen, dass ich von “Tribute von Panem” nur Band 1 kenne. Deshalb kann ich auf deine geschilderte Charakterentwicklung von Katniss nicht wirklich eingehen.
      Aber ich finde eine angesprochenen Punkte sehr wichtig. Es kommt immer auf den Blickwinkel drauf an und wie gut man der Gewalt umgehen kann. Bei Filmen schaue ich meistens weg oder zappe gleich weiter. Bei Büchern packt mich auch eher der Ehrgeiz und ich kann es besser abgrenzen. So kann man ein Buch auch einfach weglegen und ruhen lassen, bei Filmen oder Serien bekommt man alle Bilder auf einmal und kann höchstens Pause drücken.
      Von Fitzek habe ich bisher nur zwei Bücher gelesen und “Paket” ist keines davon. Aber ich neige selber nun öfter dazu, zu Thrillern statt zu Liebesromanen zu greifen. Das hat aber meiner momentan Abneigung gegenüber letzerem zu tun, als mit der Gewalt und Brutalität in den Thrillern. Triller können auch ohne dargestellte Gewalt und Gemetzel sehr spannend sein, für mich braucht es kein Blutbad. Mir ist es sogar sehr viel lieber, wenn es gar nicht vorkommt.
      Die gestellten Fragen lassen sich wirklich nicht eindeutig beantworten, aber gerade das finde ich fasziniert mich daran. Ich finde deine Sichtweise sehr interessant zu lesen und deshalb danke ich dir nochmal für deine Meinung 🙂
      Liebe Grüsse
      Julia

  5. felia (libraryoflittleworlds) August 15, 2017 at 2:16 am Antworten

    Liebe Julia,

    Oh wow, ich bin grade ein bisschen geflasht😍.
    Lass mich ganz kurz durchatmen…

    Dieser Beitrag… oh mein Gott, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
    Ich hatte mich schon durch die kleinen Teaser auf Twitter total auf den Beitrag gefreut und wurde sowas von gar nicht enttäuscht.
    Das ganze Thema finde ich wirklich sehr sehr spannend. Ich lese ziemlich viele gewalttätige Bücher und gucke auch Filme oder Serien eigentlich kaum noch unter fsk 16… Das gebe ich jetzt einfach mal offen zu😉 Man muss aber dazusagen, dass man da nicht ganz so leicht herum kommt. Die Erfolgreichsten Serien, sind nunmal welche mit (oft heftigen, ich sag nur Game of thrones(😉)) Gewaltdarstellungen.
    Irgendetwas scheint die Menschen an Gewalt zu faszinieren🤔… Ich meine, denken wir doch mal an die Gladiatorenkämpfe vor tausenden von Jahren zurück…

    Ihr habt das Thema wirklich sehr sorgfältig behandelt und eure Beispiele sind einfach super ausgewählt.
    Insgesamt auch die Unterteilungen der einzelnen Abschnitte…
    Das habt ihr einfach alles EXTREM gut gemacht!! Und ich kann euch da einfach nur in allen Punkten zustimmen!

    Tribute von Panem ist ein Thema für sich. Warum haben Mangas Altersfreigaben aber Bücher nicht?! Mein Vater hat mir die Reihe vorgelesen als ich neun war und das hat mich schon ein wenig verstört. Beim 3. Band hat mein Vater dann abgebrochen, als es nur noch um Krieg und Gemetzel ging. Früher hat mich das alles ziemlich mitgenommen. Heutzutage lese ich es aber die Gewaltdarstellung kommt mir gar nicht mehr sooo krass vor…

    Ich fand der Beitrag einfach unglaublich gut!!!
    Es hat so einen Spaß gemacht ihn zu lesen und… ich weiß gar nicht was ich sagen soll…
    Besser hätte man einen Beitrag dieser Art nicht schreiben können!❤️

    Alles alles Liebe,
    eine absolut begeisterte Felia💕

    • Julia August 15, 2017 at 12:02 pm Antworten

      Liebe Felia
      Wow! Vielen Dank für deinen begeisterten Kommentar! 🙂
      Menschen sind wohl wirklich fasziniert vom Leiden der anderen. Hauptsache man selbst leidet nicht drunter. Ich denke kaum, dass irgendein Zuschauer bei den damaligen Gladiatorenkämpfen selber in die Arena gegangen und gekämpft hätte. Das Thema hätten wir auch noch irgendwie in den Beitrag einbauen können wenn ich mir das gerade so überlege 😀 Danke für deinen Input!
      Als Kind konnte ich mit Gewaltdarstellungen auch überhaupt nicht umgehen. Selbst vor Dobby hatte ich eine Heidenangst, weshalb ich die Harry Potter Filme erst vor kurzem angefangen habe zu schauen. Und hier bin ich, schaue Game of Thrones und Filme wie Logan und liebe sie. Obwohl es bei Logan wohl mehr der emotionale Wert ist und nicht die Brutalität.
      Die Tribute von Panem ist schon etwas heftig, um es einem Kind vorzulesen. Schliesslich hast du selbst erlebt, wie es dich verstört hat. Bei mir war das bei ganz viele Märchen so. Sieben Geislein schlitzen den Bauch eines Wolfes auf und ertränken ihn im See. Hmh, sehr kindergerecht 😀
      Liebe Grüsse und nochmals herzlichen Dank für deinen Kommentar <3
      Julia

  6. Kani August 13, 2017 at 11:21 pm Antworten

    Hallo Julia,

    deinen Artikel kann ich unterschreiben. Leider liegt diese gewaltsame Entwicklung in allen Bereichen, auch wenn sie in der Jugendliteratur am wenigsten hinzunehmen ist.

    Mein Problem mit den Tributen von Panem lag ein Stück weiter hinten. Als der Kampf eigentlich schon vorbei war, als der erste District längst zu Füßen der Rebellen lag musste die Autorin UNBEDINGT noch einen Schocker einbauen. Es musste unbedingt noch einen sinnlosen Tod geben, der alles andere als Plot-relevant war. Das Buch hätte diesen Schock nicht gebraucht. Ihre Geschichte war stimmig und flüssig zu lesen, warum also dieser Schockeffekt zum Ende?

    Für mich hat es eine stimmige Reihe ins Übertriebene abgleiten lassen.

    Ich sehe ein, dass in einem “Kriegsgebiet” Menschen sterben. Auch, dass die Rebellen sich verteidigen müssen, die Befreiung anstreben und es kann nun einmal nicht jede Rebellion unblutig ablaufen. Was mich stört ist die übertriebene Gewalt. Die Effekthascherei.

    Darf ich dir zu dem Thema einen Link dalassen, zu einem Beitrag den ich vor einem halben Jahr geschrieben habe?

    Alles Liebe Kani

    • Julia August 14, 2017 at 5:28 pm Antworten

      Hey Kani!
      Ich bin da genau deiner Meinung. Klar gibt es bei einer Rebellion, auch wenn sie von Teenagermädchen angeführt werden, auf beiden Seiten Verluste. Aber genau diese unnötigen Schocker finde ich auch fragwürdig. Man will eben die Reihe mit einem Knall enden lassen, was meistens nach hinten los geht. Ehrlich gesagt habe ich Band 3 von Hunger Games nicht gelesen, deshalb weiss ich nicht genau welchen Charakter du nun meinst. Aber ich hatte solche Situationen schon oft in anderen Büchern gelesen.
      Mich würde es sehr interessieren, was du noch zum Thema Gewalt in Jugendbüchern zu sagen hast. Also immer her mit dem Link 🙂
      Liebe Grüsse
      Julia

      • Kani August 14, 2017 at 9:07 pm Antworten

        Hallo Julia,

        es ging in dem Artikel um Gewalt im Fantasybereich. Eine Richtung die sich leider durch die ganze Buchwelt zieht:

        http://kamami.de/der-game-of-thrones-effekt/

        Dazu gibt es noch einen über ungesunde Beziehungen in Büchern und wie wir als Erwachsene und Blogger damit umgehen könnten/sollten. Darin geht es um Bücher die auch an Jugendliche ausgegeben werden oder zumindest von Jugendlichen gelesen und für “normal” befunden werden.

        http://kamami.de/nicht-noch-so-ein-blogbeitrag-ueber-dark-romance/

        Ich wünsche dir viel Spaß beim reinschnuppern und wollte dir noch einmal danken, dass du auf dieses Phänomen eingehst.

        Alles Liebe
        Kani

  7. Sina August 13, 2017 at 4:36 pm Antworten

    Erstmal: ein toller Beitrag!! Ich hatte mir schon oft überlegt, etwas zu Gewalt in Büchern zu schreiben, aber da seid ihr mir ja mal einen Schritt voraus 😀
    Jetzt zu meiner Meinung zu Gewalt in Büchern:
    Ich lese hauptsächlich Fantasy, SciFi, Abenteuer, Thriller und Horror. Und daran merkt man wahrscheinlich auch schon: ich mag es gerne spannend, brutal und blutig. Allerdings nicht, weil ich mich an den Leiden der Figuren ergötze, sondern weil es sich anfühlt, als würde tatsächlich etwas auf dem Spiel stehen.
    In diesen Büchern kann ich einfach nicht wissen, ob oder wann den Charakteren etwas zustößt und wer überlebt. Das macht alles eine ganze Ecke spannender.
    Außerdem lese ich am liebsten von Dingen, die mir nie in meinem Leben passieren können (z.B. Angriff durch Drachen und hoffentlich auch Krieg und Entführungen etc.) und von denen ich auch nicht will, dass sie mir passieren.
    Dementsprechend suche ich mir dann auch meine Bücher aus. Somit wird jedes dieser Bücher ein “was wäre, wenn”-Fall für meinen Kopf, den ich ich immer wieder durchspielen kann.
    ABER (!!) man muss IMMER auf die Zielgruppe achten!!!!!
    Explizite Gewalt in Jugendbüchern ist (meiner Meinung nach) ein No-Go. Trotzdem darf man über Gewalt schreiben. Ich finde Die Chroniken von Araluen sind da ein tolles Beispiel, denn sie handeln von Spionen und Krieg und ganz viel Rumgeschieße mit Pfeil und Bogen, aber da heißt es dann eben: “Der Pfeil traf den Gegner.” Oder “Seine Nase war gebrochen.” [Zitate frei aus dem Gedächtnis, ich hoffe ihr vergebt mir], aber das macht die Geschichte nicht weniger spannend.

    • Julia August 13, 2017 at 8:00 pm Antworten

      Liebe Sina
      Danke für deine ausführliche Antwort! 🙂
      Ich lese auch häufig Jugendbücher und seit neustem auch einige Thriller. Da geht es häufig blutig zu und her und mich erfreut das wahrscheinlich genauso wenig wie dich. Natürlich ist es spannender, wenn man nicht genau weiss wer stirbt und wer lebt, das kann ich voll und ganz verstehen. Schliesslich empfinde ich es als sehr langweilig, wenn man schon ab der ersten Seite des Buches genau weiss, wie das Buch enden wird.
      Mit den Zielgruppen hast du natürlich recht. Harry Potter ist beispielsweise auch ein Jugendbuch und es kommt viel Gewalt darin vor, dank Voldemort und seinen Todesessern. JK Rowling war das auch bewusst, zumindest hatte ich den Eindruck davon während dem Lesen. So kommt es nicht nur auf die Zielgruppe, sondern auch auf den Schreibstil des Autors an. Und eben auch, wie der Leser das Geschriebene aufnimmt.
      Liebe Grüsse und einen schönen Abend
      Julia

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