Darf man eine Autobiographie überhaupt rezensieren? Darf man sagen, was „schlecht“ und was „gut“ war? Kann man wirklich über das Leben von jemandem urteilen, dem so viel Leid widerfahren ist?
Ich habe diese „Rezension“ schon längst in meinem Kopf. Ich weiss welche Worte ich brauchen will, wie die Sätze formuliert werden und was ich damit Bezwecken will. Aber ich sitze schon wieder nur sprachlos vor meinem Laptop und denke an Splitterfasernackt, und könnte einfach wider anfangen zu weinen.


Klappentext

Lilly Lindner ist sechs, als der Nachbar beginnt, sie regelmäßig zu vergewaltigen. Er droht ihr mit dem Schlimmsten, falls sie etwas ihren Eltern erzählen sollte. Und so schweigt das kleine Mädchen. Schließlich zieht der Mann weg – doch Lillys Leben ist längst aus dem Lot. Mit 13 Jahren fängt sie an zu hungern – damit von ihrem geschundenen Körper möglichst wenig übrig bleibt. Doch die Schande macht sie damit nicht ungeschehen. Und so beschließt Lilly als junge Frau, ihren Körper, der ihr schon lange nicht mehr gehört, in einem Edel- Bordell zu verkaufen. Und ausgerechnet hier beginnt sie, ihre ungeheuerliche Geschichte aufzuschreiben – und verfasst ein beeindruckendes, provozierendes Buch von großer Sprachgewalt.

Kurz-Info

• Autor: Lilly Lindner
• Verlag: Knaur
• Seiten: 400
• ISBN: 978-3-426-78488-4
• Genre: Autobiographie


Ich bin fassungslos, schockiert, verängstigt. Wie kann es so viel Leid auf der Welt geben? Wie können solche Drecksschweine nur auf dieser Erde sein? Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Lilly Lindner hat mit sechs Jahren das erste Mal Sex. Und genau mit dieser Szene, in der Wohnung ihres Nachbaren und das Grauen, das mit jeder Zeile spürbar ist, fängt ihre Autobiographie an. Ich las die ersten zwei Sätze, klappte das Buch wieder zu und dachte: „Das tu ich mir nicht an. Ich kann das nicht lesen“. Schliesslich konnte ich es dann doch. Lilly erzählt nicht nur von ihrer Kindheit, sondern auch von ihren Teenagerjahren. Wegen des jahrelangen Missbrauchs, fängt sie an zu hungern, wird stark magersüchtig, ihre beste Freundin werden Ana und Mia. Sie hat Probleme mit ihren Eltern, der Schule, dem Leben. Sie wächst in verschiedenen Kinderheimen auf, bis sie mit 17 auszieht und ihre eigene Wohnung hat.

Eines Tages beschliesst Lilly, sich zu prosituieren. Ich erwartete noch mehr Leid, noch mehr Kummer und Angst. Stattdessen waren die Szenen im Bordell kleine Lichtpunkte. Nicht, was den bezahlten Sex angeht, das auf keinen Fall. Vielmehr aber die Beziehungen zwischen den Mädchen, denn es scheint fast so, als ob sie eine kleine Familie geworden sind. Sie kümmern sich rührend umeinander und ihr Zuhälter war entgegen alle meiner Erwartungen kein dreckiges Schwein. Tatsächlich beschreibt Lilly, wie nett und freundlich die meisten ihrer Kunden sind, wie achtsam und schon beinahe liebevoll sie mit ihr umgehen.

Was mir beim Lesen sehr aufgefallen ist: Lilly verurteilt nicht, zeigt nicht mit dem Finger auf Männer und schreit umher „IHR SEID ALLE SCHEISSE!“. Im Bordell und später auch im Escort lernt sie viele Männer kennen, und nicht alle davon sind Schweine. Sie verurteilt auch ihre Eltern nicht, dass sie nichts von den Missbräuchen geahnt haben. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, erkundete ich mich ein wenig und sah mir auch ein Interview von ihr an. Auch im Interview sagt sie, dass sie ihren Eltern keine Schuld gibt. Niemand hat Schuld an ihrer Situation und was damals passiert ist. (Ausser natürlich dieses dreckige Mistschwein von einem „Menschen“, das ist aber meine Meinung und im Interview wurde nichts derartiges erwähnt).

Auch noch erwähnen muss ich Lilly Lindners brutal realen Schreibstil. Sie ist sehr wortgewandt, malt mir Bilder in den Kopf mit ihren Worten. Sie schreibt was sie denkt. Und das beeindruckte mich sehr. Ihre Geschichte ist sehr hart und ich finde es mutig, dass sie sich getraut hat es zu veröffentlichen.

Fazit

Ich klappte das Buch zu und weinte, schaute mir Interviews mit ihr an und weinte noch mehr. So viel Grausamkeit war in Lillys Leben und ist es teils immer noch. Splitterfasernackt ist keine leichte Lektüre und bestimmt nicht zimperlichen Menschen zu empfehlen. Es war bestimmt auch teils mein Fehler, dass ich das Buch mitten in der Nacht noch fertig lesen wollte und danach nicht schlafen konnte. Ich bin fassungslos und schockiert. Wie kann so viel Böses auf der Welt sein? Wieso musste Lilly das alles ertragen? Wieso muss das überhaupt irgendjemand ertragen? Darauf gibt es wohl keine Antwort, und es macht mich verdammt wütend. Über dieses Buch werde ich mir noch länger Gedanken machen. Die Autobiographie der Zeit steht schon länger auf meiner Leseliste, jetzt will ich aber auch noch sämtliche andere Bücher der Autorin kaufen. Unter anderem ihre zweite Autobiographie Winterwassertief.

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Written by Julia

    7 Kommentare

  1. -Leselust- April 4, 2017 at 4:26 pm Antworten

    Wow, ich hab überall Gänsehaut und schon nur vom Lesen deiner Rezension läuft mir ein Schauer über den Rücken. Wirklich schlimm, dass es solche Schicksale gibt, aber umso mutiger und auch wichtig, dass damit dann offen umgegangen wird und das aufgearbeitet wird. Vielleicht andere Eltern für das Thema sensibilisiert. Vielleicht Frauen in ähnlichen Situationen Kraft gibt. Es muss so schwer gewesen sein, ohne Schuldzuweisungen auszukommen. Nach dem was du so schreibst, bin ich irgendwie gleichzeitig neugierig und abgeschreckt. Mal sehen, ob ich mich irgendwann mal an das Buch ran traue.
    Liebe Grüße,
    Julia

    • Julia April 5, 2017 at 4:40 pm Antworten

      Liebe Julia
      Ich habe mir viel Mühe gegeben, das Buch „richtig“ rüberzubringen. Es ist keine leichte Lektüre und nichts für zwischendurch. Man muss sich schon einen Ruck geben und sich „trauen“ diese Autobiographie zu lesen. Deshalb kann ich es gut verstehen, wenn du etwas abgeschreckt bist. Das war ich zu Beginn auch, aber die Neugier, wenn man es so nennen will, hat schlussendlich gewonnen. Letztendlich bin ich froh, das Buch gelesen zu haben. Lilly Lindner sagt auch in einem Radiointerview, dass sie viele Rückmeldungen erhält von Menschen, die eine ähnliche Situation erlebt haben. Deshalb hoffe ich stark, dass das Buch jemand anderem helfen wird und man sich getraut etwas gegen solche Situationen zu unternehmen.
      Liebe Grüsse
      Julia

  2. alexsbuecherwahnsinn April 4, 2017 at 1:18 pm Antworten

    Hallo Julia,

    dieses ich steht schon so lange auf meiner WuLi, denn ich kam das erste mal mit Lilly Linder in Berührung als ich ihr Roman „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ gelesen habe. Und ja, sie hat einen aussergewöhlichen, gewaltigen Schreibstil, darum hab ich mich schlau gemacht was sie sonst noch geschrieben hat.

    Irgendwann werd ich mir die beiden Bücher von ihr sicher noch holen und lesen.

    Mir geht es übrigens bei Autobiografien oder Erfahrungsberichten auch immer wie dir. Darf ich mir da eine Meinung bilden? Wer bin ich darüber zu urteilen? Aber du hast es wirklich auch gut geschafft diese Rezension zu schreiben. Danke dafür.

    Liebe Grüsse
    Alexandra

    • Julia April 5, 2017 at 4:36 pm Antworten

      Liebe Alexandra
      Ich will ihre anderen Bücher unbedingt noch lesen, denn ihr Schreibstil ist wirklich packend und die Leseprobe zu „die Autobiographie der Zeit“ war ebenfalls sehr ansprechend.
      Vielen Dank für das Kompliment 🙂 Ich habe wirklich lange für diese Rezension gebraucht, weil ich nicht wusste wie ich eine Autobiographie „beurteilen“ darf und will. Aber hier gab es nichts zu bemängeln und ich wollte mehr auf die Geschichte eingehen. Anscheinend habe ich das geschafft 🙂
      Liebste Grüsse
      Julia

  3. trallafittibooks April 4, 2017 at 11:01 am Antworten

    Ich muss unbedingt ihre Bücher lesen!!
    Ein paar davon, u.a. dieses, stehen bereits in meinem Regal.
    Tolle Rezension!

    Liebe Grüße,
    Nicci

    • Julia April 5, 2017 at 4:33 pm Antworten

      Hallo Nicci
      Ich habe bisher nur „Splitterfasernackt“ gelesen, die anderen will ich aber so bald wie möglich lesen. Ihr Schreibstil ist wirklich grosse Klasse!
      Liebe Grüsse
      Julia

      • trallafittibooks April 5, 2017 at 8:47 pm Antworten

        Dann sollte ich es wohl nicht mehr so lange ungelesen im Regal stehen lassen. 🙂

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